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Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft (1982)

Der Ich-Erzähler, der mit dem Autor zu identifizieren ist, erinnert sich an seinen verstorbenen Freund Paul Wittgenstein (1907-1979), einen Cousin des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Die beiden Freunde sind zur gleichen Zeit im Krankenhaus, der eine in der Lungenabteilung, der andere in der Irrenanstalt. Auch die jeweiligen Ursachen für den Krankenhausaufenthalt stimmen überein: der Konflikt des Einzelnen gegen seine Umgebung, die scheiternde Beherrschung des eigenen Lebensmechanismus. Anders als Paul habe sich der Erzähler jedoch von seiner ebenso großen Verrücktheit nicht völlig beherrschen lassen, sondern diese in eine bürgerlich geachtete und der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Kunstform umgesetzt: die Literatur.

Beide Freunde teilen das Vergnügen an der Beobachtung und am „Bezichtigen“ ihrer Umwelt, aber auch ihr Außenseitertum und ihre existentielle Unruhe. Die possenhaft geschilderten Verleihungen des Grillparzer- und des Staatspreises sowie die als missglückt empfundene Uraufführung des Stücks Die Jagdgesellschaft sind gleichzeitig Momente, in denen sich Pauls Solidarität mit dem Erzähler in besonderer Weise bewährt. Doch angesichts der drohenden Konfrontation mit dem Tod folgt erneut die Abgrenzung: Aus Angst davor sucht der Erzähler den Sterbenskranken nach dem letzten Besuch nicht mehr auf. Seine im Motto des Texts erwähnte Grabrede, die sich Paul gewünscht hat, bleibt ungehalten.

Der Untertitel des Romans „Eine Freundschaft“ weist auf eine eigentümliche Verkreuzung zweier Lebenslinien hin, die das Modell der Selbstdarstellung über die identifikatorische Erinnerung an einen Verstorbenen weiterführt, das in einer Reihe von Büchern des Autors wiederkehrt. Am Anfang des bei aller anekdotischen Lockerheit bewusst komponierten Textes steht eine umfangreiche Parallelführung der persönlichen Schicksale Paul Wittgensteins und des Erzählers. Sie folgt der für Bernhard charakteristischen Strategie der partiellen Identifikation und gleichzeitigen Abgrenzung. Mit dieser Schwerpunktverlagerung auf Paul bezieht Bernhard einen Standpunkt außerhalb des offiziellen Betriebs, dem er als Schriftsteller faktisch inzwischen längst angehört. Dadurch wird der Blick auf das andere, das kreative Selbst frei, das jenseits von Disziplinierung, Kunst und des Gedankens an Veröffentlichung zu finden ist.

Der Titel des Romans erinnert an Diderots Rameaus Neffe. Beide Texte stellen eine historische bzw. tatsächlich existierende Figur in den Mittelpunkt, die jeweils mit einer epochalen Autorität verwandt ist, das heißt im Schatten eines berühmten Onkels steht.

M.M., U.B.