Anna Bernhard – Le choix d´ un destin

 

Anna Bernhard, Thomas Bernhards Großmutter mütterlicherseits, hat sich ein ganz besonderes Leben ausgesucht. Sie verlässt 1904 ihren Mann, einen braven Salzburger Bürger und ihre beiden Buben, um sich einem träumerischen jungen, langmähnigen Mann anzuschließen, der sich in den Kopf gesetzt hat Schriftsteller zu werden.

Um diesen Traum wahr werden zu lassen, übt sie verschiedene Berufe aus, ist abwechselnd Köchin, Putzfrau, Kindermädchen, Erzieherin, Hebamme, Näherin u. v. a. . Obwohl sie stets in der Sorge lebt, am nächsten Tag nicht genug zu essen zu haben, bleibt sie ein Leben lang an seiner Seite. Sie wird ihm zur unentbehrlichen Stütze und hat dazu beitragen, dass er für den Roman Philomena Ellenhub eines Tages den großen Österreichischen Staatspreis für Literatur bekommt.

                                        

Anna Bernhard -Le choix d´un destin

 

 Salzburg

 

„Was hat diese Frau erdulden und erleiden müssen wegen mir. Sie hätte ein schönes bürgerliches Leben haben können!“ schreibt Johannes Freumbichler über sie.

 

Anna Bernhard

Sie stand in einer Ecke des Raumes, mit glühend roten Wangen, verfolgte den Gulden, der in ihre Richtung rollte. Der Vater saß in der anderen Ecke und wartete auf Anna´s Reaktion. Er, Johann Pichler, war ein einfacher Mann, Salzburger Bürger und Stechviehhändler von Beruf. Er hatte Ihr soeben eine ordentliche Tracht Prügel verpasst. Die Schläge hagelten nur so auf sie nieder, dass sie wie am Spieß schrie und ein Gendarm von der Straße zur Wohnung heraufkam. Er klopfte und wollte wissen, was da los war.

Anna holte jeden Tag die Milch. Doch heute fehlte das Wechselgeld. Der Vater hatte sie daraufhin eine Diebin, Lügnerin, hinterlistig genannt. Je mehr er sie beschimpfte, umso mehr stieg in ihm die Wut. Dank des Erscheinens des Gendarmen wurde die Situation aber schnell geklärt.

Inzwischen hatte nämlich der angebliche „Dieb“ das fehlende Wechselgeld zurückgebracht und sich Anna´s Unschuld erwiesen.

Um Anna´s Aufrichtigkeit zu belohnen hat Johann Pichler jetzt einen Gulden in ihre Richtung gerollt. Als der vor Anna´s Füßen angekommen war, bückte sie sich langsam, hob ihn auf, betrachtete ihn und – rollte ihn in die Richtung ihres Vaters zurück.

Nein, Anna hat diesen Gulden nicht haben wollen. Sie zeigte Rückgrat. Ihre Reaktion hat ihr ihren Stolz zurückgegeben.

Zum Vater war die Beziehung stets angespannt. Galt er offiziell als ihr Vater, erinnerte sie sich an eine Szene, wo sie ihre Mutter Maria Victoria Schönberg vor ihm, ihrem Gatten, knien und ihm gestehen gesehen hat, dass Anna nicht von ihm war. Sie meinte sogar gehört zu haben, dass Anna von einem Prinzen gezeugt worden sei. Hatte sie das geträumt oder diese Szene wirklich erlebt? Sie erinnerte sich nicht genau. Das Alles war ganz unscharf tief in ihrem Gedächtnis vorhanden.

Ihre Mutter, aus Gorizia, einer Stadt in Venetien (Slowenien), war schon schwanger mit Anna, als sie die Bekanntschaft mit Johann Pichler in Lofer macht. Von dort und Bad Reichenhall kommend hatte sich das junge Paar in Salzburg niedergelassen. Dort verstand sich Anna gut mit ihrer älteren Schwester Fanny, die noch den Familienamen ihrer Mutter, nämlich Schönberg, getragen hat.  Johann Pichler hatte weder sie noch ihre jüngere Schwester Johanna Theresia Schönberg, die 1879 ein Jahr nach ihr geboren worden war und ein paar Monate nach ihrer Geburt gestorben ist, legitimiert.

In Salzburg wohnt die Familie in der Nähe von Karl Bernhard, einem Zuschneider, in der Wolf Dietrichstrasse.

Anna ist achtzehn, als sie am 1. Oktober 1896 mit ihm, Karl Borromäus Bernhard, in der Kirche Sankt Andrä in Salzburg verheiratet wird. Karl Bernhard ist dreißig. Er ist ein einfacher Mann, der für die Bekleidungsfirma Krivanek arbeitet, seriös und eine angemessene und Partie für sie.

Aber – ist Anna da eine Liebesheirat eingegangen? Die Ehe scheint eher durch die Familien arrangiert gewesen zu sein. Noch Jahrzehnte später wird sie ihren Enkeln anvertrauen, dass sie damals keine Idee gehabt hat, was sie im Hotel in Lofer, wo sie die Hochzeitnacht verbringen sollten, erwartet. Die Mutter habe erst nachkommen müssen, um sie aufzuklären.

In Salzburg lebt die Familie Bernhard ein bescheidenes Dasein. Zwei Söhne, Karl Johann und Johann Evangelist Hermann (Hans) werden 1897 bzw. 2000 geboren.

Zu dieser Zeit“, erklärt die Philosophin Elisabeth Badinter in ihrem Essay „Le Conflit. La Femme et la mère“ (Der Konflikt: Die Frau und die Mutter) damals und Jahrzehnte lang war das Kind die natürliche Folge der Ehe. Jede Frau, die gebärfähig war, brachte Kinder auf die Welt, ohne sich lang Fragen zu stellen. Die Fortpflanzung war zugleich Instinkt, religiöse Pflicht und die andere, die sich dem Überleben der Menschenart verpflichtet gefühlt hat. Es war selbstverständlich, dass sich “ jede normale Frau“ Kinder wünschte.“

 

Anna ist jetzt verheiratet und hat zwei Söhne. Aber – ist sie glücklich? Sie stellt sich diese Frage nicht. Eine solche Frage stellte sich zu dieser Zeit keine verheiratete Frau. Sie führt das ruhige Leben einer Hausfrau, kümmert sich um die Familie, ist nicht vermögend, aber ihre Zukunft ist gesichert. Sie hat einen Ehemann, der für den Unterhalt sorgt. Zudem hat sie ihre eigene Familie zur Seite. Die Eltern und ihre ältere Schwester Fanny wohnen in der Nähe.

Um das Einkommen der Familie etwas aufzubessern beschließen die Bernhards ein Zimmer an einen Studenten zu vermieten.

Im Oktober 1902 zieht Tuisko (Josef Rumpler) bei ihnen ein. Wie sein Freund Rudolf Kasparek (Verbindungsname Giselher) aus Hallein kommend gehören sie beide zusammen mit ihrem Freund Johannes Freumbichler (Werinhard) der Studentenvereinigung „Der eiserne Ring“, auch “Cheruskia“ genannt, an. Diese predigt unter anderem die Emanzipierung der Frau und die Freiheit zu hetero-.  und homosexueller Beziehung. Es ist eine anarchistische Gruppe, die in keinem damaligen Salzburger Vereinsregister aufscheint.

Die jungen Leute besuchen ihren Freund und damit erfährt das Leben von Anna eine Wende.

Sie ist so alt wie diese jungen Männer, eine schöne brünette Frau von feiner und eleganter Erscheinung, in den dunkelbraunen Augen die Lebenslust.

War ihr Leben bis dahin eher monoton gewesen und wurde ihr Temperament, das sich noch in ihrer Jugend gezeigt hat, durch die arrangierte Ehe unterdrückt, so sehnt sie sich nach einem intensiven Leben. Bisher hat sie die Freuden, wie sie die Liebe mit sich bringt, nicht erlebt. Sie ist ganz natürlich Mutter aber nicht zur Frau geworden

Wie Emma Bovary hat sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, um endlich aus ihrer wehmütigen Lage auszubrechen. Sie vertraut sich Kasparek an, glaubt in ihn verliebt zu sein. Doch der ist mehr an seinem Freund Freumbichler als an ihr interessiert.

An Johannes Freumbichler, der sich zu dieser Zeit in Deutschland aufhält. schreibt Kasparek im November 1902 betreffend Anna:

„Sie ist ein gutes und edles Wesen fast noch ein reines und unschuldiges Kind. Sie hat mir schluchzend ihren Kummer anvertraut. Sie ist einem Mann gegeben worden, den sie zu lieben geglaubt hat. Sie ist dabei aber immer die Benachteiligte geblieben.“

Als sie begreift, dass sie bei Kasparek keine Chance hat, interessiert sie sich für Tuisko. Anna lässt ihn zwar nicht gleichgültig. Aber er widersteht ihren Annäherungsversuchen.

In einem Brief erkennt sie:

 „Bis jetzt wusste ich nicht, was Leidenschaft ist. Umso mehr kündigt sich diese jetzt an.“  Und sie fügt hinzu:

Ich, das Mädchen mit der finsteren Miene, ist jetzt eine Frau mit glücklichem und stolzem Aussehen. Als man mir erstmals von Liebe gesprochen hat, ist im selben Moment ein Wunder geschehen und ist diese Frau plötzlich eine andere geworden, eine ganz andere.  Sie spürt, dass da ein Sturm in ihr tobt.“

 

Neugierig geworden durch die Briefe von Kasparek, interessiert sich Freumbichler, damals noch Student in Ilmenau im nördlichen Deutschland für das Los von Anna. Am 9. September 1904 schreibt er ihr zum ersten Mal:

„Ich kenne Sie nicht .. ich habe Sie nie gesehen, obwohl Sie es glauben. Als ich damals das Zimmer von Tuisko betrat und Sie nachgekommen sind, hatte ich eine fürchterliche Migräne. Das ganze Zimmer und Sie haben angefangen, sich um mich zu drehen.  Dann im letzten November sind Sie vor mir wie ein Komet erschienen und darauf kam noch der Brief von Tuisko.“  

Er ermahnt sie aus ihrem `Sklavinnen Zustand´ zu entfliehen.

„Sie sind nicht allein, Ihr ganzes Geschlecht befindet sich in einem elenden Zustand der Versklavung. Die Frau ist überall die Untergebene des Mannes, der noch dazu meistens brutal und gefühllos ist. Eine Bewegung ist entstanden, die sich die Emanzipierung der Frau zum Ziel gemacht hat. Sie will der Frau die Freiheit und das Glück zurückgeben.“

 „Liebe Frau Bernhard! Es zuckt am Firmament der Blitzstrahl einer neuen Zeit. Es kommt eine neue Welt, die aller Not und aller Leiden Erlösung bringen wird. Es kommt der Tag, an dem Sie dem Glück in die Arme sinken werden.“

 

Freumbichler und Kasparek halten sich für die Verkünder dieser neuen Welt. Sie bieten ihr ihre Freundschaft an und meinen sie aus ihrer unwürdigen Situation herauszuführen. Sie sollte endlich ihren Wunsch nach Liebe und Frieden nachgeben. Beide sind bereit sie in ihren Kreis aufzunehmen. Dietlinde ist nun ihr neuer Name und sie ist tatsächlich bereit alles zu verlassen und Freumbichler in Ilmenau zu treffen.

Anna: „Ich kann Ihnen nicht sagen, in welche sonderbare Stimmung mich Ihr Brief versetzt hat. Sie sprachen darin von Herzen zu Herzen. Sie bezeichnen sich als meinen Freund. Oh, wodurch habe ich das verdient? Sie sagen, lasst mich doch bei Euch sein. Ich werde mich schon zu ernähren wissen. Ich kann ja in einem Geschäft als Verkäuferin arbeiten oder so etwas Ähnliches machen.“

Freumbichler widmet der blonden Dietlinde ein Gedicht. Sie ist jetzt entschlossen ihre Familie zu verlassen. Freumbichler aber warnt:

„Ein Glück und eine Verbindung, die nie vorhanden war, zu zerstören, ist leicht, zu verantworten aber schwer.“

Anna organisiert mit den drei Freunden zu Weihnachten ein Treffen in Salzburg

„Ich liebe euch mehr als alles auf der Welt; in eure Mitte müsst Ihr mich nehmen, mich erziehen, und lehren nach eurem hohen Anspruch. Ich will euch alles sein. Lasst mich bei euch sein. Sprecht mit mir. Ich liebe euch so innig“.

Freumbichler schreibt sie:

„Ich möchte mich zu dir hinsetzten und mich von dir liebkosen lassen…

Wenn du Lust hast, küsse meine Stirn und meinen Mund nach Herzenslust. Du und ich, wir werden ganz gut zueinander stehen…. Ich werde meine Sachen nehmen, und komme zu dir, um dir wenigstens so gut es geht das Heim zu schaffen, das dein Herz begehrt.“

 

Weihnachten 1903: Freumbichler und Anna treffen sich heimlich im Hotel Wolf- Dietrich in Salzburg. Mit der Hilfe von Kasparek bereiten sie ihre Flucht vor. Sie kennen sich noch nicht wirklich. Ihr Liebesbedürfnis und ihr Abenteuergeist sind stärker als die Vernunft. Sie lässt einen Mann und zwei kleine Kinder hinter sich.

Karl Bernhard merkt natürlich schnell das Verschwinden seiner Frau und schreibt dem Vater von Freumbichler.

 „Am 6. Februar, am Nachmittag, ist mein Weib verschwunden und ergaben die Nachfragen, dass sie sich einen Reisepass in die Schweiz ausstellen lassen und ihre Koffer nach Zürich aufgegeben hat. Es ist also kein Zweifel, dass diese zwei Elenden dort mitsammen leben.

Ich war bis zur letzten Stunde der Meinung, ich bin glücklich verheiratet, und doch wurde ich so schrecklich betrogen. Er ist genauso schuld wie sie. Sie haben mir Achtung und Ehre geraubt und meinen lieben Kindern die Mutter. Es sind das Sachen, die niemand im Stande ist zu ersetzen…… Ihr Sohn wird mit ihr genauso unglücklich werden, wie ich es jetzt bin.  Schicken Sie zu diesen Lumpereien kein Geld nach, sie braucht viel…..“

 

Maria Freumbichler schickt sofort den Brief ihrem Sohn weiter.

„Lieber Hans, .. ich hätte nicht geglaubt, dass du ein so schlechtes Weib, die zwei kleine Kinder von ihrem eigenen Blut verlässt, zu dir nimmst….packe alles zusammen und nimm dir ein kleines Zimmer und jag´ dieses Weib fort.“

  

Gmunden am 22 Oktober 2021                         

 

 Anny Fabjan                              

Übersetzung aus dem Französischem gemeinsam mit Peter Fabjan

 

Zitate aus dem Nachlass von J. Freumbichler

Zum 140. Geburtstag von Johannes Capistran Freumbichler

 

Um über diesen Mann, den Dichter Johannes Freumbichler, so wie wir zurückgebliebene und inzwischen selbst gealterte Enkelkinder ihn heute zu verstehen versuchen, um über diesen Mann zu schreiben, können wir nicht so wie Thomas auf eine intensive Beziehung zurückgreifen. Wir scheinen von ihm mehr als in der Obhut unserer Eltern gut gedeihende Wesen empfunden worden sein, jedenfalls nicht als seines Schutzes bedürftig. Wir waren aber auch sieben bzw. neun Jahre jünger als Thomas und für diesen eine unerbetene Konkurrenz.

Heute glaube ich, man könnte ihn, unseren Großvater mütterlicherseits, – den von Vaterseite haben wir nie kennengelernt, ist er doch absolut gegen diese Verbindung seines jüngeren Sohnes gewesen – man kann ihn, den Vertreter einer selbstgegründeten Religion nennen, die er aus dem Respekt vor und der Liebe zur Welt seiner Ahnen für sich und die sich rasch ändernde Umwelt geschaffen hat, um das tragende Positive daran in die Zukunft hinüberzuretten. Das hat er mit einem solchen Ernst und solcher Bestimmtheit versucht, wie das sonst Sektengründer zu tun imstande sind. Aber im Vergleich zu seinem Enkelschüler sind bei ihm die Voraussetzungen für einen wahren Erneuerer in der Dichtung nicht ausreichend gegeben gewesen:

Von der Mutter geliebt, vom Vater akzeptiert, ist er aus einem `geordneten Haus´ gekommen, Die Brüche sind erst mit dem Verlassenwerden von seiner Jugendliebe und dem Selbstmord des Bruders, entstanden. Die eigene Gemütslabilität und damit reduzierte Kreativität kam dazu. Leicht erregbar und entflammbar für das politische und moralische Schwärmertum seiner Zeit, gepaart mit einem Sendungsbewusstsein für `die Menschheit´, für die Gesellschaft, von der er sich früh abzukapseln begonnen hat, hat das zu einem Dasein eines für die nächste Umgebung nicht ungefährlichen Außenseiters geführt.

Hat die Mutter noch ihr Leben lang für diesen, von ihr wirklich geliebten Sohn Hans regelmäßig aus der Krämerladenkassa Geld abgezweigt, ist der gemütskranke Bruder im entscheidenden Moment ohne die Hilfe seines in die Welt der Akademiker entrückten Bruders geblieben.

Er hat dann seine ganze engere Familie, die er im jugendlichen Übermut oder romantischer Verblendung gegründet hat, in einer so rücksichtslosen Weise an sich und seine Vorhaben gefesselt, dass sie einer revolutionären Zelle gleich vollkommen ausgeliefert gewesen ist.

Unsere Mutter, seine Tochter, ist nach dem Krieg in totaler seelisch-körperlicher Erschöpfung schon ein Jahr nach diesem ihrem Vater gestorben, sein Sohn viele Jahre später in völliger Isolierung, sein geliebter Enkelsohn Thomas (Bernhard) als ein weiteres `Opfer´ zum Dichter der Krankheit und des Untergangs geworden; allerdings in seinem Überlebenskampf dann seinerseits zum selbständigen Künstler, sein Schwiegersohn schließlich doch noch zum gereiften Privatphilosophen mit eigener `Glück- im Unglück-Welt´ geworden.

Man hat also neben ihm untergehen oder auch auf dem von ihm bereiteten Boden reifen können. Die von ihm ausgehende Verstörung des Normaldaseins, seine durchaus kritische Haltung zur institutionalisierten Autorität egal welcher Art, dazu seine Wahrhaftigkeit ist das Besondere gewesen und das ist es, das auf fruchtbaren Boden gefallen, weiterwirkt.

Basis für alles d a s ist bei Freumbichler wohl eine starke Bindung an die Mutter, die ihrerseits gemeint hat, diesen zarten Buben schützen zu müssen, ihm später dann die Natur und die für den Erzähler so wichtige Überlieferung zur weiteren Geliebten geworden. Alle die anderen und auch die ihm in größter Ergebenheit Nahestehenden haben da letztlich als Außenstehende rangiert.

Wenn man meint, dass er, von einer idèe fix beherrscht, nicht anders konnte, kann man verstehen, dass er Andere für seine Bestimmung vereinnahmen zu können gemeint hat.

Mit seinen Büchern hat er aber manche Glücksmomente zaubern können, er schließlich kurzzeitig richtigen, wenn auch nicht weitreichenden Erfolg gehabt. Schöngeistigkeit, die Enge der bäuerlichen Idylle und grenzenlose Selbstbezogenheit haben verhindert, dass er bedeutend werden hat können. Als Vormann Bernhards, bleibt er, wie Raimund Fellinger, der langjährige Cheflektor bei Suhrkamp, gemeint hat, bestehen; daneben wohl auch als poetischer Überlieferer früherer gesellschaftlicher und sprachlicher Wirklichkeiten, alten Brauchtums und als bis zuletzt sich treu gebliebener Denker und Schreiber.

 

Peter Fabjan

 

 

 

 

Raimund Fellinger. Eine Thomas-Bernhard-Bibliographie

Liebe Mitglieder,

 

am heutigen 1. Oktober 2021 wäre Raimund Fellinger 70 Jahre alt geworden.

Im Gedenken an den Mitbegründer und ehemaligen Präsidenten der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft findet sich auf der Webseite unter dem Punkt ITBG / Raimund Fellinger ab sofort eine bibliographische Sammlung aller Herausgeberschaften, Beiträge, Rezensionen, Vorträge, Interviews und Gespräche Fellingers, die mit Bernhard in Verbindung stehen – in anderen Worten: alles von Fellinger, das mit Thomas Bernhard zusammenhängt. Die Bibliographie kann, sofern weitere Texte auftauchen, jederzeit ergänzt werden.

Weiterhin ist bereits eine Buchpublikation in Arbeit, die eine Auswahl der interessantesten Beiträge und zum Teil bislang unveröffentlichten Vorträge und Reden von Bernhards „geliebtem Fehler-Entdecker“ versammelt.

 

Mit herzlichen Grüßen

Nina Selzer

Dr. h. c. Raimund Fellinger zum 70. Geburtstag

Den Lektor und anglo- wie frankophonen Menschen erlebten wir, meine Frau und ich, in der Betreuung der mir zugefallenen literarischen Nachlässe als liebenswerten Partner und Freund, seinen Abgang als großen Verlust!

 

Zu meinem siebzigsten Geburtstag war er eigens aus Frankfurt gekommen, seiner ist uns Anlass für Trauer und anhaltendes Verlustgefühl. Verzicht auf eine eigenständige Persönlichkeit, die uns wie uns kaum eine zweite mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Seine letzten Projektvorhaben zu Thomas, insbesondere eines zu Bernhards Leben in Bild und Text, werden weiterverfolgt, Fellingers Schriften gesammelt.

Seine liebe Frau Stefanie Tyszak haben wir an seiner Seite als bewundernswerte, fürsorgliche, großartige Partnerin erlebt. Sie hält freundlicherweise weiter Kontakt zu uns, Ihr gilt unser Mitgefühl.

 

Anny und Peter Fabjan

Zum 80. Geburtstag von Hermann Beil

                               

 Foto: Karin Bergmann, am 1.8. im Bernhard Haus

 

  Gmunden im August 21

Lieber Herr Beil,

 

Wiener von Mutterseite, stets das Ausgleichende suchend, sind Sie im Beruf Bernhardkollege. Hat er, Thomas, doch selber am Mozarteum das akademische Fach studiert und abgeschlossen.

 

Was für ein glücklicher Zufall, als sich drei Lebenswege – mit Frau Vera Sturm vier – dort an der Burg getroffen und Einmaliges, so nie wieder Erreichtes, geschaffen haben!

 

Die kleine Alm am Grasberg, von Thomas zur Ausarbeitung von künftigen Aufführungen vorübergehend freigegeben, durfte da das Ihre am Zueinanderfinden beitragen.

Noch heute verfolgen wir staunend Ihre unermüdliche Arbeit als Vortragender, ja Schauspieler und Textbereiter und schätzen uns glücklich, wenn Sie an den Festwochen teilnehmen, hier im Haus auftreten und uns dort wie da beratend zur Seite stehen.

Verspürt der Eine oder Andere von uns sein Alter; an Ihnen scheint es weitgehend spurlos vorüberzugehen.

 

Zum heutigen runden Geburtstag sind unsere Herzen bei Ihnen und wollen es weiterhin bleiben!

 

Anny und Peter Fabjan

ITBG-Vorstandsmitglied Dr. Juliane Werner erhält UNIVIE Teaching Award 2020

Die feierliche Preisverleihung des UNIVIE Teaching Award fand am 14. Juli 2021 an der Universität Wien mit Rektor Heinz W. Engl und Vizerektorin Christa Schnabl statt.
Mit dem Preisgeld in Höhe von 3000 Euro wird Juliane Werner an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien im Sommersemester 2022 ein Studierendenprojekt zu Thomas Bernhard starten, im Zuge dessen es auch eine Kooperation mit der ITBG geben wird.

Atelier Bernhard, Gespräch mit Dr. Peter Fabjan und Reinhard Pabst, 30.5.2021

Hier kann das Gespräch  mit Dr. Peter Fabjan und Reinhard Pabst aufgerufen werden.

Veranstalter ist das

FREIE DEUTSCHE HOCHSTIFT
FRANKFURTER GOETHE-MUSEUM

www.freies-deutsches-hochstift.de

„Nachruf auf unseren Präsidenten“ von Dr. Peter Fabjan

Meine ersten Kontakte mit ihm, der einstigen `rechten Hand´ des Verlegers Siegfried Unseld, gehen auf meinen Briefwechsel mit ihm, Unseld, zurück.

Der hatte nach dem Tod meines Bruders begonnen, war von ihm, Unseld, aber eines Tages wohl als Zumutung empfunden worden. Und so musste Herr Fellinger, der diplomatischere, übernehmen. Weder dem Einen noch dem Anderen konnte ich, wenn auch von Thomas zum Erben gemacht, `auf Augenhöhe´ gegenübertreten. Ich habe mit der Aufgabe wohl erst noch wachsen müssen.

Schließlich gründete ich unter Mithilfe von Univ. Prof. Schmidt-Dengler, im Zusammenhang mit der Verlegerentscheidung sich von Bernhards Testamentsverdikt auf die Verlagsverträge zurückzuziehen, die Stiftung mit Sitz in Wien als eigentliche Repräsentanz des Dichters im Land. Und Herr Unseld hat sie nicht bloß akzeptiert. Er war zu ihrer Eröffnung im exterritorialen Palais Clam-Gallas (zur Französischen Botschaft gehörig) persönlich erschienen.

Fortan ist mir Herr Fellinger in der an ihrer, der Stiftung, Seite, entstandenen Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft von Beginn an mit großem Engagement beigestanden. Er hat nach Univ. Prof. Haslinger vom Salzburger Literaturarchiv und später dem Rechtsanwalt Dr. Neubauer aus Wien die Führung auch nominell gleich zwei Mal übernommen. Aufbau, Modernisierung und Leben der Institution sind von da an sein Werk gewesen.

In all seiner fruchtbaren Umtriebigkeit ist gemeinsam mit dem Maler und Sohn der Besitzer das Revitalisierungsprojekt eines Nobelhotels am Salzburger Gaisberg angestoßen worden und sind andere seiner Ideen wie das mit Sepp Schellhorn in Goldegg oder das mit dem Besitzer des Hotels Goldener Brunnen in Gmunden realisiert worden und bis heute lebendig. Immer hat er Menschen für seine Sache einzunehmen verstanden und es nicht bloß bei `Literaturhotels´ belassen, vielmehr regelrechte kleine Kulturzentren entstehen lassen. Sie sind inzwischen neben dem Haus in Ohlsdorf zum Begriff geworden.

Veranstaltungen wie die für die Lyrikerin Anise Koltz in Luxemburg oder die in Wien und Budapest mit dem Treffen von Übersetzern mit dem Bernhardtitel `Ein übersetztes Buch ist wie eine Leiche´ sind (letztere von Dr. Breiteneder von der Österr. Akademie der Wissenschaften initiiert), von ihm mitgeprägt worden.

Neben all dem ist die Gründung des Korrektur Verlages mit der Hilfe der Familie Aumayer-Gann, des Mäzens Matrong und nicht zuletzt seiner Frau ein Meilenstein seiner Initiativen geworden, dem Spott der FAZ von ihm noch zuletzt kraftvoll entgegengetreten worden.

Meine Gründung eines eigenen Archivs in Gmunden in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Schmidt-Dengler war ihm sehr gelegen gekommen. Unvergessen seine, Martin Schwabs und vieler anderer samt Blasmusikkapelle Teilnahme an der von meiner Frau hinter meinem Rücken inszenierten Feier zu meinem Siebziger. Zu ihr gestaltete er eine eigene Festschrift. Die Arbeit in diesem Archiv hat zur Herausgabe der Gesamtausgabe geführt. Seine jahrelange intensivste Zusammenarbeit mit den Mitherausgebern, zuvorderst Martin Huber, ist legendär, das Ergebnis bis heute die erste große Aufarbeitung des Werkes.

Als Dr. Unseld am 26. 10. 2002 stirbt, ist er bei ihm, was seine Dankbarkeit, zugleich das starke Verbundensein mit seinem patriarchalischen Mentor bezeugt.

Als es 2013 in einer Auseinandersetzung um die Eigenständigkeit des in einer denkmalgeschützten Villa des Landes residierenden Archivs mit dem Stifterinstitut in Linz für ein Jahr zur provisorischen Weiterführung durch die Akademie der Wissenschaften und schließlich zu dessen Auflösung kommt, ist er uns neben dem Wiener Anwalt Torggler immer beratend zur Seite gestanden.

Wie von Bernhard testamentarisch festgelegt, sollen Ausübung und Umgang mit seinem literarischen Nachlass mit dem Suhrkamp Verlag gemeinsam erfolgen.

So ist er in Vertretung seines Hauses über viele Jahre mit mir bemüht gewesen, die literarischen Nachlässe von Bernhard und Freumbichler über die Zwischenstation Deutsches Literaturarchiv Marbach, wo sich aus dem Verlag bereits Originalien befinden, eine endgültige Bleibe zu verschaffen. Unermüdlich reiste er an die Verhandlungsorte, darunter auch zwei Mal nach Wien. Am aktuellen Angebot an die Österreichische Nationalbibliothek hat er wesentlichen Anteil.

Gestrenger Lektor, zuletzt noch mit dem Lektorieren von Peter Handkes Das zweite Schwert und gemeinsam mit Jonathan Landgrebe mit der Vorbereitung des Gedenkens an Peter Suhrkamp befasst, hat er die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke, einen der drei von ihm lektorierten Autoren, nicht nur verteidigt, ja trotz seines bereits starken Beeinträchtigtseins auch noch daran in Stockholm teilgenommen und mir seinen neuen Arbeitsplatz in Berlin mit Stolz fotografiert.

Unvergessen zuvor noch seine Präsenz in Darmstadt, wo er uns Mitglieder des Vorstandes in ein exklusives Restaurant geladen und über sein Kranksein informiert, darüber hinaus versucht hat trotz schwerster Kommunikationsprobleme die Vorstandssitzung und die Generalversammlung zu einem Erfolg werden zu lassen.

Vorstandsmitglied im Verlag, hat er mit Frau Unseld-Berkèwicz und dem großen Team von Mitarbeitern im Haus, darunter Jonathan Landgrebe, Petra Hardt und Christiane Schneider im Wechsel von Frankfurt nach Berlin und dem stürmischen Wandel der Medienwelt die Stellung der Institution Suhrkamp zu behaupten gewusst.

Mir ist er zum unverzichtbaren Partner, mir und meiner Frau immer einmal als charmanter in Saarbrücken gebürtiger Saarländer mit besten Französischkenntnissen, zusammen mit seiner lieben Frau zum persönlichen Freund geworden.

Seine Haltung angesichts der tödlichen Krankheit war von Beginn an von Klarheit und bewundernswertem Kampfgeist beseelt. Wir haben einen wunderbaren Präsidenten, die Welt der Literatur hat einen ihrer leidenschaftlichsten Verfechter verloren.

 

P. Fabjan